Nimm Dich nicht so wichtig!

Über die Demut zu schreiben, ist gar nicht so leicht. Diejenigen, die sich lauthals aufdrängen, sind im wahren Leben oft alles andere als demütig. Andere bleiben lieber im Verborgenen und wollen mit der Demut nicht hausieren gehen. Vielleicht auch, weil dieses so fremd klingende Wort einen schalen Beigeschmack zu haben scheint und zuweilen völlig missverstanden wird.

„Demut wird heute oft assoziiert mit Unterwürfigkeit, Frömmelei, Schwäche, Kriecherei“, bestätigt denn auch Pater Udo Küpper, der sich nach langem Zögern und Bitten bereit erklärt hat, über die Demut zu sprechen. Trotz seiner stattlichen Größe wirkt der Benediktiner aus der Abtei Münsterschwarzach zurückhaltend, unprätentiös, bescheiden.

Um die Demut im Kern zu verstehen, geht Pater Udo auf die Ursprünge zurück. „Im Lateinischen heißt Demut „humilitas“ (Niedrigkeit) und hängt mit „humus“ im Sinne eines fruchtbaren Bodens, auf dem etwas wachsen kann, zusammen “ erklärt er. Demütig sein bedeute also „mit beiden Beinen auf fruchtbaren Boden stehen, sich selber nicht so wichtig nehmen und sich die eigene Zerbrechlichkeit immer wieder vor Augen führen“.  Demut ist damit die bewusste Gegenbewegung zum allgegenwärtigen Streben nach Größe, Anerkennung und Stolz, dem Bedürfnis, gesehen zu werden und sich über andere zu erheben. „Vorbild einer solchen Haltung ist Jesus Christus selbst“, so Pater Udo: „Er ist von ganz oben herunter gestiegen, hat sich klein gemacht, auf Augenhöhe mit Armen, Kranken und Ausgestoßenen gelebt und ist leidvoll am Kreuz gestorben.“

Für Pater Udo Küpper hat Demut nicht nur mit dem Dienen zu tun, sondern erfordert auch ganz viel Mut. (Foto: Anja Legge)

Die deutsche Wortwurzel von althochdeutsch „diomuoti“ (Dien-Mut) weist auf einen weiteren Aspekt hin; demnach erfordern Sich-Erniedrigen und Dienen eine gehörige Portion Mut – und zwar im Hinblick auf das eigene Ich wie im Umgang mit dem Nächsten. „Ein demütiger Mensch wagt den Blick in die Tiefen der eigenen Seele; er nimmt all das wahr, was zu ihm gehört – das Gute und die Stärken ebenso wie all das, was ihn davon wegzieht, seine Fehler, Schwächen und Unzulänglichkeiten:“ Ziel der Demut sei eine schonungslose Selbsterkenntnis, nämlich „mich so zu sehen wie der Herr mich geschaffen hat, den Plan des Schöpfers zu erkennen und dann ja zu sagen und dem näherzukommen und zu dienen“.

Im Umgang mit dem Mitmenschen gilt es, den anderen anzunehmen und so sein zu lassen, wie er ist, ihm Respekt, Toleranz und Wertschätzung entgegenzubringen. Die Demut wird so zum gesellschaftlichen Kitt, sie lässt den Menschen auf dem Boden der Realität bleiben und verhindert vor allem den Missbrauch von Macht. „Jeder Mensch hat ein Stück Macht“ so Pater Udo, die Frage sei dabei nur: Wie setze ich diese Macht ein? „Was uns aktuell in der Politik serviert wird, hat mit Demut nichts zu tun“, bilanziert Pater Udo nüchtern. Anstatt auf immer mehr Einfluss, Geld und Macht zu schielen, rät er zu fragen: Was dient dem Menschen? Und wie kann ich meine Macht zum Wohl der Menschen einsetzen?

Jede Gemeinschaft – ganz egal ob Familie, Kloster, Schule oder Firmenbelegschaft – ist für den Benediktiner ein perfektes Übungsfeld hin zu mehr Demut: „Jemanden nicht zu mögen gehört zum Alltag. Sich aber dann zu sagen: Auch dieser Mensch ist ein Geschöpf Gottes und von Gott geliebt, er darf so sein, wie er ist, das ist Demut.“ Im Kloster findet diese Haltung in mancherlei Gesten und Riten ihren Ausdruck: „Bei der Begegnung auf dem Gang begrüßen wir einander mit einem leichten Kopfsenken als Zeichen des gegenseitigen Respekts“, berichtet Pater Udo. Beim Chorgebet verneigen sich die Mönche vor dem gegenwärtigen Gott und bei der Profess und im Weihe-Ritus legen sie sich bei der Prostratio flach auf den Boden, um dann im Wissen „Allein bin ich nichts, mit Gott bin ich alles“ neu bestärkt wieder aufzustehen.

Wie wichtig die Demut als Garant guter sozialer Beziehungen ist, wusste übrigens schon Ordensvater Benedikt, der dieser Kerntugend ein ganzes Kapitel seiner Regel widmet. „Durch Selbsterhöhung steigen wir hinab und durch Demut hinauf“, bringt er die Wirkung in Kapitel 7 auf den Punkt, um seinen Mitbrüdern anschließende die 12 Stufen der Demut zu beschreiben. Ausgangspunkt ist für ihn das Wissen um die liebende Gegenwart Gottes; dann bringen Werte wie Selbstlosigkeit, Gehorsam, Beständigkeit, Anspruchslosigkeit, Schweigsamkeit, Ernsthaftigkeit oder Überlegtheit den Übenden Stufe um Stufe näher zu sich selbst, zum anderen und zu Gott.

„Machen kann man Demut nicht!“, warnt Pater Udo am Ende des Gesprächs. Vielmehr sei sie eine „innere Haltung, in die der Mensch durch ständiges Lassen und  Bewusstmachen immer mehr hineinwächst und die ihn schließlich so werden lässt wie er eigentlich gedacht ist“. Das sei nicht immer einfach, gibt der Benediktiner zu, „aber es macht zufrieden und die Welt ein klein bisschen heller“, lächelt er und verabschiedet sich mit einer leise angedeuteten Verneigung.

Anja Legge

Foto: Anja Legge

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