Verstehen, wer ich wirklich bin

Die „Heilende Lebensbilanz“ hilft dabei, Antworten auf die Sinn-Frage zu finden. Ein Kursbesuch in der Abtei Münsterschwarzach.

War das (schon) alles? Wo liegt der Sinn meines Lebens? Und was soll noch kommen? Fragen wie diese drängen sich gerade ab der Lebensmitte vermehrt ins Bewusstsein. Umso mehr, wenn Menschen an einem Umbruch stehen – beispielsweise dem Ende der Erwerbstätigkeit, dem Auszug der Kinder oder nach einer zerbrochenen Beziehung.

Der leitende Manager Uwe etwa kommt aus einer „extrem durchgetakteten Welt“; er sehnt sich nach Erfahrungen von Sinn, nach Stille und Bei-sich-sein – jenseits von Struktur und Pflicht. Lehrerin Kirsten hat sich schweren Herzens in den Ruhestand verabschiedet; sie ist verunsichert, „was jetzt kommt“, wird künftig eine andere Facette von sich selbst kennenlernen nach der Devise: „Wer bin ich noch?“ Auch bei Gunther, der regelmäßig in Münsterschwarzach zu Gast ist, klopft das Ende der beruflichen Zeit langsam an, er will sich deshalb der „großen Frage nach Sinn und Richtung bewusst aussetzen“. Irene dagegen ist gerade 50 geworden und hatte einen schweren Unfall: „Das hat mich erschreckt und viele Fragen aufgeworfen: Habe ich in meinem Leben alles richtig gemacht? Muss ich etwas ändern? Oder fehlt da noch etwas?“

Alle vier haben sich für den Kurs „ Die Sinn-Frage in der zweiten Lebenshälfte“ bei Susanne Grasegger im Gästehaus der Abtei Münsterschwarzach angemeldet. „Solche Fragen sind kein Beweis innerer Leere oder tiefen Zweifelns, sondern lebendiger Ausdruck unseres Mensch-Seins“, beschreibt die Logotherapeutin aus München die Gefühle der Teilnehmenden. Mit ihren Angeboten, die sich um Sinn und Orientierung drehen, scheint sie einen Nerv zu treffen, denn die Kurse sind regelmäßig ausgebucht.

Insgesamt 20 Männer und Frauen aus ganz Deutschland nehmen an der dreitägigen Reise ins eigene Innere teil. Ein Geheimrezept, ein Muster oder eine allgemeingültige Strategie gibt es bei der Sinn-Suche nicht, nur den ganz individuellen Weg. Hauptanliegen ist es, „Vertrauen in die eigenen Stärken und Werte zu vermitteln, um in Zeiten von Veränderung Halt und Zuversicht zu finden“, sagt Susanne Grasegger. Sie will dazu beitragen, „dass Menschen das eigene Leben als wertvoll empfinden, es bewusst gestalten statt zu funktionieren, Sinn spüren im Tun und im Sein.“

Bewusst nutzt Grasegger bei ihrer Begleitung Impulse aus der sinn- und werteorientierten Logotherapie und Existenzanalyse nach Viktor E. Frankl sowie aus der sinnorientierten Biographiearbeit. Dabei spüren die Teilnehmenden in einem intensiven Prozess der eigenen Lebenslinie nach, bringen prägende Momente und wichtige Werte zu Papier und erhalten so wichtige Impulse um zu erkennen, wie sie zu dem Menschen wurden, der sie heute sind. „Ein heilsamer Rückblick braucht die Perspektive aus dem Hier und Jetzt“, betont Grasegger: „Erst im Blick zurück erkenne ich, was ich alles er- und überlebt habe“, sagt sie, „und das hilft zu verstehen, wer ich wirklich bin – mit all meinen Stärken, Schätzen und Ressourcen“. Auch Wunden gehören zu solch einer Lebensbilanz dazu, sie prägen ein Leben entscheidend mit, sind Teil der Persönlichkeit. Und natürlich die unterschiedlichen Lebensbeziehungen – mit mir selbst, mit dem Du, meiner Aufgabe, meiner Umgebung und meiner Spiritualität – denn „in diesen Beziehungen kann ich Sinn erleben“.

Auch der Austausch in der Gruppe sowie Zeiten der Stille und des Rückzugs spielen im Kurs eine wichtige Rolle. Viele sind „erfüllt von den Menschen“, die sie hier getroffen haben. Andere beschreiben den „besonderen Geist“ und die „stille Kraft“, die der Abtei innewohnen.

Für die Teilnehmenden ist all das ein immenser Schatz, am Ende fühlen sie sich „pappsatt mit wohlschmeckenden und nahrhaften Impulsen“, gehen mit Vertrauen und Zuversicht in die Zukunft. Viele notieren erste mögliche Schritte, wollen entschiedener leben oder „ungelebtem Leben Raum geben“. Gemeinsam mit Susanne Grasegger sind sie erstaunt, was die intensive Beschäftigung mit der Frage nach dem Sinn im eigenen Leben und individuellen Werten in ihnen „aufgeweckt“ hat, weil sie plötzlich Möglichkeiten sehen, die „man in der Enge des Alltags nicht wahrnimmt“.

Für Uwe heißt es künftig: „Mehr Gefühl, mehr Leichtigkeit, mehr Urvertrauen“; er, der beruflich bereits hunderte von Seminaren besucht hat, durfte in Münsterschwarzach „etwas Einzigartiges erleben, nämlich: Offenheit, Helligkeit und Stille“. Die frisch gebackene Rentnerin Kirsten erahnt am Tag der Heimreise „eine Richtung, in die es gehen könnte“. Und Irene? Sie fährt mit einem Gefühl der Bestärkung nach Hause: „Ich habe gesehen, dass ich ganz viel richtig gemacht habe. Das zu erkennen, tut gut und gibt Kraft zum Weitergehen.“

Anja Legge

Der Beitrag ist in der Februar-Ausgabe des RUF in die Zeit erschienen. Du kannst das Magazin hier kostenfrei downloaden oder bestellen.

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