Das Wartburg-Experiment

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Das Wartburg-Experiment

Der Schriftsteller Uwe Kolbe hat vier Wochen neben Luthers Schreibstube gelebt und geschrieben

500 Jahre ist es her, dass Martin Luther auf der Wartburg bei Eisenach das Neue Testament ins Deutsche übersetzt hat. Der Reformator hat damit einen sprachprägenden Bestseller geschaffen, der bis heute Gültigkeit hat. Jetzt – 500 Jahre später – wird auf der Wartburg erneut geschrieben.
Beim so genannten „Wartburg-Experiment“ leben und arbeiten die drei SchriftstellerInnen Iris Wolff, Uwe Kolbe und Senthuran Varatharajah für jeweils vier Wochen direkt neben Luthers Schreibstube. Ziel des Experiments, das von der Internationalen Martin Luther Stiftung und der Deutschen Bibelgesellschaft realisiert wird, ist es, in einen inneren Dialog mit Luthers Bibel zu treten und einen eigenen literarischen Text zu schreiben.
Uwe Kolbe wagte als erster den ungewöhnlichen Zugang zu Luthers Bibelübersetzung. Im Interview spricht der Schriftsteller über Touristenlärm und Spirituelles, über Stein und Geschichte, Ignoranz und Ehrfurcht. (c Anja Legge)

Wie haben Sie die Wartburg in den letzten Wochen erlebt?

Alles in allem bin ich sehr begeistert von der Wiederbegegnung mit der Wartburg. Vor 42 Jahren bin ich auf einer Fernwanderung schon mal hier durchgekommen und habe damals auch den Tintenfleck gesehen, der natürlich nicht vorhanden war. Jetzt habe ich die Wartburg als komplexe Mischung erlebt: Eine Mischung aus 1200-jähriger Burg und all den folgenden Zeitschichten mit Sängerwettstreit, Elisabeth von Thüringen, Luther und Wartburg-Fest. Das ist schon ein unerhörtes Stück Stein, das da vor einem steht.

Sie haben eben den berühmten Tintenfleck in Luthers Schreibstube erwähnt. Wie war das bei Ihnen – Teufel oder Musenkuss? Wie war das Schreiben im Schatten des großen Vorbilds?

Die „déformation professionelle“ wäre eine herzerfrischende Ignoranz. Wie könnte man arbeiten, wenn man nicht sagen würde „Das schert mich den Teufel!“ und die Last der Geschichte abstreift. Luthers Produktivität in dieser kurzen Zeit ist ein Irrsinn, diese bedeutende Textmasse steht natürlich vor einem. Aber das muss man ein Stück weit ignorieren und mit professionellen Scheuklappen an die Sache herangehen. Ich habe mir vorgenommen jeden Tag eine Seite zu schrieben, und habe auf alles, was vorliegt re-agiert – Stein, Geschichte, Spirituelles, Menschliches.

Das Menschliche schließt vermutlich auch viel Touristenlärmen mit ein…

Da sind wir beim Kleingedruckten. Die knarzenden Bretter, die Gespräche der Besucher, die die alten Folianten im Schummerlicht betrachten, die Erklärungen des unerhört engagierten Aufsichtspersonals, bis hin zum wunderbaren Staunen eines Kindes. Das ist beträchtlich und in der dritten Woche hat das auch genervt. Iris Wolff habe ich bereits Ausgleichskopfhörer empfohlen.

Was hat Sie an diesem Projekt begeistert?

Die Mehrschichtigkeit. Bereits 2017 habe ich ein Bändchen mit dem Titel „Psalmen“ veröffentlicht. So etwas schreibt man ja nicht ungestraft. Trotz meiner unverdächtigen, ja agnostischen Vorgeschichte hat mich dieses Thema irgendwie gezogen. Ich habe es zwar nicht so dringend mit dem Originalort, aber die Kombination aus Landschaft, Geschichte, Natur, Originalort und Heutigem hat mich gereizt. Ich wusste, dass ich damit etwas anfangen kann.

Wann und wie hat der Agnostiker Kolbe die Bibel denn entdeckt?

Ich habe die Bibel zum ersten Mal mit etwa 13 Jahren gelesen. Als Buch wie jedes andere und aus Interesse an Literatur und Poesie. Und dabei habe ich staunend die Bilderwelt des Alten Testaments und der Apokalypse entdeckt.

Mit welchen Folgen für Ihren Glauben?

Das ist eher eine kindliche Naturfrömmigkeit, naive Mystik. Seit ich mit meinem Großvater durch den Wald ging, gibt es für mich etwas Höheres, die Anwesenheit eines Schöpfers, an die ich mich in verschiedenen Situationen halten kann. Das ist völlig unabhängig von konfessionellen Bindungen. Die Amtskirche war für mich immer enttäuschend, zu nüchtern. Die Funktionärskirche, die sich an Alltagsgeschehnissen abarbeitet und diese banal kommentiert, interessiert mich nicht. Eher schon Spiritualität und unmittelbare Begegnung. Insofern interessiert mich der Mönch Luther sehr, seine Blitzerfahrung wie Paulus auf dem Pferd. Da ist viel emotionaler Furor dabei. Und das ist mir nah.

Würden Sie sich eher als Zweifler oder als Beter bezeichnen?

Als Beter. Mir ist der Adonai des Alten Testament sehr nah. Der gewaltige, zürnende, strafende Gott, leuchtet mir ein. Aber in der Haltung gegenüber der höheren Instanz bin ich demütig.

Wie liefen Ihre Tage auf der Wartburg ab?

Die ersten zwei, drei Stunden des Tages habe ich draußen verbracht, ich habe die Burg umkreist wie ein Kolkrabe, war unterwegs auf den Wegen, in den Schluchten, an den Felsen. Mit dem „Wartburg-Konglomerat“ war auch rasch ein Titel für meine Arbeit gefunden. Das ist der Stein, auf dem die Wartburg steht und aus dem sie Carl Alexander im 19. Jahrhundert wieder neu erbaut hat. Dieser Titel passt auch zur formalen Vielfalt aus Essay, Briefen, Gedichten. Gleichzeitig habe ich die wissenschaftliche Hausbibliothek genutzt und in der Kaffeeküche viele Gespräche geführt. Das war ungeheuer beglückend. Die Mischung – das Unterwegs-Sein auf Schusters Rappen und in schönster Klausur leben – war für mich ideal.

Was ist in den vier Wochen entstanden?

Ganz im Thomas Mann’schen Sinne habe ich jeden Tag eine Seite geschrieben. Wenn dann am Ende zwei bis drei gültige Gedichte dabei sind, ein kleiner Essay im Montaigne‘schen Sinne und ein vehementer Brief im Luther’schen Sinne, bin ich glücklich. In seinem Brief an den Vater ist Luther ja sehr offen, verbindet Privates mit Thematischem. Das kam mir sehr zupass. Ich habe einen Brief an meine Verwandten geschrieben, in dem ich mich beklage, dass der Prophet nichts im eigenen Land und insbesondere im eigenen Hause gilt.

Das klingt nach einer Keule…

Es ist nicht ohne. Ich habe aber einfach mal die Gelegenheit genutzt und bin da vermutlich sehr nahe bei Martin Luther.

Wie lautet die Kolbe’sche Luther-Botschaft heute?

Vor der Folie der durchaus berechtigten antijudaistischen Vorwürfe wünsche ich mir Gerechtigkeit für Luther. Luthers vehemente „Schrift gegen die Juden“ ist in der Tat gräulich, entsetzlich, schrecklich. Trotzdem ist Luther ein Mann seiner Zeit, der unheimlich viel in die Welt gesetzt hat. Er hat dem gläubigen Menschen vorgemacht, gegen eine Kirche aufzustehen, die nur Apparat, Glanz, rein äußerlich ist. Diesen Furor eines Gläubigen bitte ich für ihn zu nehmen.

Das Interview führte Anja Legge